U-Bahnsituation. Stehend, Arm an Arm. Ein gepierctes Mädchen mit einer einzelnen lila Strähne im schwarzgefärbten Haar kramt lautstark und betroffen in ihrer Handtasche. Zu ihrer Freundin oder sich selbst sagt Sie: “Oh. Nein… man! Wo issn das! Ey, scheiße Alter- Sven fickt mein Leben!”

Vermutlich sucht Sie ihr Smartphone. Es ärgert mich, das ich an Ihrer Suche teilnehme. Wahrscheinlich ärgert es die- keine Ahnung- 60? anderen Passagiere dieses Waggons ebenso. Ich möchte aussteigen.

Ganz oben auf der Liste der Dinge, die sich leider nicht vermeiden lassen: Mit der U1 in den Friedrichshain fahren. Dabei ist der Friedrichshain gar nicht mal das Problem, bis auf den Fakt, das er mir natürlich nicht mehr cool genug ist, seit ich (Zugezogener!) nicht mehr dort wohne. Das Problem ist die Brücke des Grauens, die man passieren muss, um in den Friedrichshain zu gelangen: Die Warschauer Brücke.

Ich habe bereits versucht, clever zu handeln: Ich bin im vordersten Wagen. Wenn gleich die Türen öffnen und sich ca. 400 Leute aus der U-Bahn und dann über die Brücke schieben, werde ich theoretisch ganz vorne laufen. Wie sich herausstellt, klappt das nur mäßig gut, beim Aussteigen falle ich bereits zurück, weil ich riesigen Hunden ausweiche, die riesigen Bierpfützen und dazugehörigen Scherben ausweichen. Es ist voll. Uhrzeit spielt keine Rolle, es ist immer voll, es sei denn, man ist ganz untypisch vor 14 Uhr unterwegs, aber da ist ja wirklich noch keiner wach.

Es gelingt mir, den Ausgang des U-Bahnhofs zu erreichen. Strassenmusik. Drei fitnesskultivierte Gitarren-, Bass- und Bodypercusionmundharmonikamänner und eine Sängerin, die Ihrem Aussehen nach eine Punkerin ist, aber irgendwie doch keine zu sein scheint, spielen auf. Sie singt in etwa: “Ein Leben zwischen Kaviar und Malotze, es riecht nach Schampus und nach Kotze.” Eine Redundanz, die mich wenig anspricht, wobei die Melodie ziemlich ohrwurmtauglich ist. Ich schiebe mich durch die Menschentraube hindurch, an ihr vorbei, weiche ihr aus, gehe aussenrum, drängle seitwärts, weiche weiter nach vorne aus, versuche zu überholen und lande vor einem Teenie, der mir einen datenfinanzierten Tagesspiegel hinterherwerfen will.

Das Jump&Run-Spiel Warschauer Brücke Level 3: Junggesellinnenabschied. Die ganze Breite des Gehwegs wird eingenommen von einem Rudel lustig angezogener Frauen (bedruckte Nicki’s: “Germany’s Next Topwife” bzw. Ihre Jurymitglieder) und alle versuchen mir, Schnaps zu verkaufen oder wenigstens irgendwie locker zu sein.
Ich möchte wirklich nur ankommen. Eine dicke Familie bleibt einfach stehen und schaut gemeinsam in einen Stadtplan. Meiner Meinung nach völlig überflüssig, es geht momentan  nur geradeaus. Es gibt keine andere Richtung ausser der, in der das Hotel liegt. Ein Blick nach links: Gleise, Baustelle, die moderne O2-World, der unmoderne Ostbahnhof, die Metro, der Fernsehturm. Eher hässlich. So berlin.

In gewisser Weise wird es jetzt einfacher; ich habe die Abzweigung zur S-Bahn passiert, eine Menge Leute gehen ab und ich frage mich wie jedes Mal, warum ich nicht auf der anderen Strassenseite laufe. Niemand scheint auf diese Idee zu kommen, denn niemand läuft auf der anderen Strassenseite. Ich muss das alles wohl doch ein bisschen mögen. Jetzt steht hier ein wirklich freundlicher Kumpeltyp und fragt mich, ob ich Haschisch oder Weed kaufen will. Seit Kurzem gibt es bei ihm auch Koks, MDMA oder Extasy. Das war früher nicht so. Aber ich brauche nichts und verneine freundlich und werde sofort in Ruhe gelassen. Es naht Ablenkung in Form einer priviligierten, weißen Punkerin. Ob ich ma Kleingeld hätte. Auch Sie sieht eher wie ein Mädchen aus, das sich als Punkerin verkleidet hätte und nun schnorrt, weils ihr irgendwie angemessen erscheint.

Sie kriegt meinen letzten Bubblemint. Ich bin fast da.